Ein Trinktagebuch führen
So führen Sie ein Trinktagebuch: Anleitung, Nutzen für die MPU und Vorlagen zum Selbstausfüllen.
Lesezeit: 11 Min.
Was ist ein Trinktagebuch und wozu dient es?
Ein Trinktagebuch ist ein Instrument zur systematischen Dokumentation des eigenen Alkoholkonsums. Es dient der Selbstbeobachtung und hilft dabei, Trinkmuster zu erkennen, die einem im Alltag oft nicht bewusst sind.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bietet unter trinktagebuch.org ein kostenloses digitales Trinktagebuch an, das neben der reinen Mengendokumentation auch Fragen zu Stimmung, sozialen Faktoren und Trinkanlässen stellt. So lassen sich mögliche Muster im Trinkverhalten identifizieren und eine klare Auswertung erhalten.
Für die MPU-Vorbereitung kann ein Trinktagebuch gleich mehrere Zwecke erfüllen: Bei kontrolliertem Trinken dokumentiert es, dass Sie sich an Ihre selbst gesetzten Regeln halten. Es schärft das Bewusstsein für die tatsächlich konsumierte Menge — viele Menschen unterschätzen ihren Alkoholkonsum erheblich. Es hilft, Auslöser und Muster zu erkennen (z. B. 'Ich trinke immer, wenn ich gestresst bin' oder 'Am Wochenende trinke ich deutlich mehr'). Und es liefert dem Gutachter bei der MPU einen konkreten Beleg für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten.
Auch für Menschen, die Abstinenz anstreben, kann ein Trinktagebuch in der Übergangsphase sinnvoll sein — etwa um zu dokumentieren, in welchen Situationen das Verlangen besonders stark ist.
Was wird im Trinktagebuch dokumentiert?
Ein aussagekräftiges Trinktagebuch erfasst mehr als nur die Menge des getrunkenen Alkohols. Die folgenden Informationen sollten Sie für jeden Tag festhalten — auch für alkoholfreie Tage, denn diese sind genauso wichtig.
Datum und Wochentag: So lassen sich wöchentliche Muster erkennen (z. B. erhöhter Konsum am Wochenende).
Art und Menge der Getränke: Notieren Sie genau, was und wie viel Sie getrunken haben — z. B. '2 Gläser Rotwein (je 0,2 l)' oder '3 Flaschen Bier (je 0,5 l)'. Vermeiden Sie vage Angaben wie 'ein paar Bier'.
Umrechnung in Standardgläser: Ein Standardglas enthält etwa 10 bis 12 Gramm reinen Alkohol. Beispiele: ein kleines Bier (0,33 l) = ca. 1 Standardglas, ein Glas Wein (0,125 l) = ca. 1 Standardglas, ein Glas Sekt (0,1 l) = ca. 1 Standardglas, ein Schnaps (2 cl, 40 Vol.-%) = ca. 1 Standardglas. Bei einer Flasche Bier (0,5 l) sind es bereits ca. 1,5 Standardgläser, bei einem üblichen Restaurantglas Wein (0,2 l) ca. 1,6 Standardgläser.
Anlass und Situation: In welchem Rahmen haben Sie getrunken? Zu Hause allein, beim Abendessen mit Freunden, auf einer Feier, in einer Kneipe?
Stimmung und Emotionen: Wie haben Sie sich vor dem Trinken gefühlt? Entspannt, gestresst, traurig, gelangweilt, fröhlich? Und wie danach?
Bewertung: Waren Sie zufrieden mit Ihrem Trinkverhalten an diesem Tag, oder hätten Sie gerne weniger oder gar nichts getrunken?
Standardgläser berechnen und Grenzwerte verstehen
Um Ihren Alkoholkonsum realistisch einschätzen zu können, ist es wichtig, das Konzept der Standardgläser zu verstehen. Ein Standardglas enthält in Deutschland etwa 10 bis 12 Gramm reinen Alkohol.
Die Formel zur Berechnung des reinen Alkohols in einem Getränk lautet: Menge in ml x Alkoholgehalt in Vol.-% x 0,8 (Dichte von Alkohol) / 100 = Gramm reiner Alkohol. Beispiel: Eine Flasche Bier (500 ml, 5 Vol.-%): 500 x 5 x 0,8 / 100 = 20 Gramm reiner Alkohol = ca. 2 Standardgläser. Ein Glas Wein (200 ml, 12 Vol.-%): 200 x 12 x 0,8 / 100 = 19,2 Gramm reiner Alkohol = ca. 2 Standardgläser.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat lange als Richtwert für risikoarmen Konsum angegeben: für Frauen maximal ein Standardglas (12 Gramm) pro Tag und für Männer maximal zwei Standardgläser (24 Gramm) pro Tag, mit mindestens zwei alkoholfreien Tagen pro Woche. Inzwischen weist die DHS jedoch darauf hin, dass es keinen wirklich 'sicheren' Alkoholkonsum gibt — der beste Schutz für die Gesundheit ist der vollständige Verzicht.
Für die MPU ist diese Einordnung wichtig: Wenn Ihr Trinktagebuch zeigt, dass Sie diese Richtwerte regelmäßig überschritten haben, ist das ein Hinweis auf einen riskanten Konsum — auch wenn Sie sich subjektiv nicht als 'Viel-Trinker' empfunden haben. Viele Menschen sind überrascht, wie viel sie tatsächlich trinken, wenn sie es erstmals konseqünt dokumentieren.
Digital oder auf Papier? Verschiedene Methoden
Für die Dokumentation Ihres Trinkverhaltens stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Welche am besten zu Ihnen passt, hängt von Ihren persönlichen Vorlieben ab.
Digitales Trinktagebuch: Die DHS bietet unter trinktagebuch.org ein kostenloses Online-Trinktagebuch an. Es führt Sie Schritt für Schritt durch die tägliche Dokumentation und bietet eine automatische Auswertung mit Grafiken und Statistiken. Der Vorteil: automatische Berechnung der Standardgläser, übersichtliche Auswertungen über Wochen und Monate, Erinnerungsfunktion und diskreter Zugang über das Smartphone. Auch die BZgA bietet im Rahmen der Kampagne 'Kenn dein Limit' digitale Hilfsangebote an.
Papiertagebuch: Ein klassisches Notizbuch oder ein ausgedrucktes Formular. Der Vorteil: kein Smartphone nötig, keine technischen Hürden und für manche Menschen ein intensiveres Erlebnis durch das Schreiben von Hand. Der Nachteil: keine automatische Auswertung, und es kann leichter verloren gehen oder vergessen werden.
Excel-Tabelle oder Notiz-App: Ein Mittelweg — Sie erstellen Ihre eigene Vorlage mit den relevanten Spalten (Datum, Getränk, Menge, Standardgläser, Anlass, Stimmung) und füllen sie täglich aus. So haben Sie volle Kontrolle über die Gestaltung und können eigene Auswertungen erstellen.
Unabhängig von der Methode gilt: Tragen Sie Ihren Konsum möglichst zeitnah ein — am besten direkt nach dem Trinken oder spätestens am nächsten Morgen. Je länger Sie warten, desto ungenauer wird die Erinnerung.
Das Trinktagebuch für die MPU nutzen
Bei der MPU kann ein gut geführtes Trinktagebuch ein wertvolles Hilfsmittel sein — besonders wenn Sie die Strategie des kontrollierten Trinkens verfolgen. Der Gutachter im psychologischen Gespräch wird nach konkreten Details Ihres heutigen Trinkverhaltens fragen. Wer ein Trinktagebuch geführt hat, kann diese Fragen präzise und glaubwürdig beantworten.
Das Trinktagebuch zeigt dem Gutachter: dass Sie sich aktiv und regelmäßig mit Ihrem Alkoholkonsum auseinandersetzen, dass Sie Ihre selbst gesetzten Regeln kennen und einhalten, dass Sie ein realistisches Bild Ihres eigenen Konsums haben, dass Sie Risikosituationen identifiziert und reflektiert haben und dass Sie zwischen problematischem und unproblematischem Konsum unterscheiden können.
Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn der Gutachter fragt 'Wie sieht Ihr Alkoholkonsum heute aus?', können Sie mit einem Trinktagebuch konkret antworten: 'In den letzten drei Monaten habe ich durchschnittlich ein- bis zweimal pro Woche ein Glas Wein zum Abendessen getrunken, nie mehr als zwei Gläser pro Anlass, und an mindestens vier Tagen pro Woche gar keinen Alkohol konsumiert.' Das ist deutlich überzeugender als eine vage Antwort wie 'Ich trinke nur noch wenig.'
Wichtig: Bringen Sie das Trinktagebuch nicht unaufgefordert zur MPU mit. Es dient in erster Linie Ihrer eigenen Reflexion und Vorbereitung. Im Gespräch können Sie erwähnen, dass Sie ein Trinktagebuch geführt haben — der Gutachter wird bei Interesse danach fragen.
Muster erkennen und Verhalten verändern
Der eigentliche Wert eines Trinktagebuchs liegt nicht in der bloßen Dokumentation, sondern in den Erkenntnissen, die sich daraus ableiten lassen. Nach einigen Wochen konseqünter Führung werden Muster sichtbar, die Ihnen vorher möglicherweise nicht bewusst waren.
Typische Erkenntnisse, die Trinktagebuch-Nutzer berichten: 'Ich trinke deutlich mehr als ich dachte' — die objektive Dokumentation zeigt oft einen höheren Konsum als die subjektive Einschätzung. 'Mein Konsum ist an bestimmte Situationen geknüpft' — z. B. immer freitags nach der Arbeit, immer bei Treffen mit bestimmten Freunden, immer wenn der Partner nicht da ist. 'Ich trinke aus bestimmten Gründen' — Stress, Langeweile, Gewohnheit, sozialer Druck. 'Es gibt Zeiten, in denen ich problemlos verzichten kann' — das kann das Vertrauen stärken, dass Veränderung möglich ist.
Auf Basis dieser Erkenntnisse können Sie gezielt Veränderungen einleiten: Trinkanlässe hinterfragen (brauche ich den Wein wirklich zum Entspannen oder gibt es Alternativen?), Risikosituationen meiden oder anders gestalten, alkoholfreie Alternativen einplanen und sich realistische Ziele setzen.
Das Trinktagebuch ist damit weit mehr als ein Dokumentationsinstrument — es ist ein Werkzeug der Selbsterkenntnis und der Verhaltensänderung. Nutzen Sie es ehrlich und konseqünt, und es wird Ihnen auf dem Weg zur MPU und darüber hinaus wertvolle Dienste leisten.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts-, medizinische oder therapeutische Beratung.
Quellen und weiterführende Informationen
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Trinktagebuch (trinktagebuch.org) - DHS: Alles O.K. mit Alkohol? — Informationen, Tests und Tipps (dhs.de) - DHS: Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol (dhs.de) - Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Kenn dein Limit (kenn-dein-limit.de) - BZgA: Von Tag zu Tag — Trinktagebuch (bzga.de) - My Way Betty Ford Klinik: Trinktagebuch (mywaybettyford.de) - MPU-Berater.de: Kostenloses Trinktagebuch zur MPU-Vorbereitung (mpu-berater.de)